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Schland? Schloch!

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Deutschland, ein Sommermärchen!

Spätestens seit der WM 2006 im eigenen Land ist alle zwei Jahre das Fußballvolk in Deutschland in Party- und Feierlaune. Steht eine Großveranstaltung wie eine Fußball-EM, oder WM vor der Tür, merkt plötzlich auch Lieschen Müller, dass sie ja ein ach so großer Fußballfan sei und ist der Meinung, dass man „unsere Jungs“ unbedingt mental unterstützen müsse!
Also wird das Haus geschmückt. Schwarz-rot-goldene Gardinen, der Hund kriegt ein Deutschland-Trikot (oder die billige T-Shirt-Variante aus dem bevorzugten Billigdiscount) übergestreift. Natürlich darf auch die Fanschminke im Gesicht und die obligatorische Blumenkette in den Landesfarben um den Hals nicht fehlen!
Alsdann geht es hinaus auf die Fanmeilen, wo man richtige Fußball-WM-Atmosphäre erleben kann. Wo alle in Feierlaune sind, Fahnen geschwenkt und zu austauschbaren WM-Songs getanzt und gesungen wird. Schließlich ist ja WM-Zeit, da kann man sich auch ruhig mal daneben benehmen!

 

Deutschland, du nervst!

Alle zwei Jahre also dasselbe Prozedere. Und jedesmal überlege ich mir aufs neue, wie ich diese Zeit bloss überstehen soll!
Ich habe nichts gegen eine Welt-, oder Europameisterschaft. Trotz meiner politischen Einstellung habe ich auch nichts gegen Nationenvergleiche im Fußball. Ich würde die Spiele (nicht nur der deutschen) Nationalmannschaft gerne verfolgen, ob im Stadion, oder im TV. Aber es ist schlichtweg nicht ertragbar!

In einer Woche beginnt die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien. Das Turnier hat noch nicht begonnen, da schwappt bereits die schwarz-rot-geile Welle über das Land hinweg. Deutschland ist mal wieder dran, so die allgemeine Meinung. Nach 1996 muss endlich mal wieder ein Titel her, ansonsten war die „goldene Generation“ um Lahm, Schweinsteiger, Podolski und Klose eine verschenkte Generation.

Doch geht es dabei wirklich um den sportlichen Erfolg?
Ist es ehrliche Verbundenheit mit einer Mannschaft, mit der man durch Höhen und Tiefen geht. Zu der man steht, egal, was passiert?
Die (wiederholten) Pfiffe beim Testkick vor einigen Wochen gegen Polen, bei dem aufgrund der Teilnahme der meisten Stammspieler an diversen Finals „nur“ eine Mannschaft von Grünschnäbeln auf dem Platz stand (die meisten von ihnen machten ihr allererstes Länderspiel) beweist: Nein!

Nach diesem Spiel beschwerte man sich seitens des DFB zum wiederholten Male über die Reaktion des Publikums. Die Mannschaft sei jung, wenig bis gar nicht eingespielt. Was soll man da erwarten?
Doch muss der DFB sich hier auch den Vorwurf machen, dass man sich dieses Publikum in den vergangenen 10 Jahren selbst „herangezüchtet“ hat! Man will mehr „Kunden“ im Stadion. Man will Merchandise verkaufen. Man will, dass die Spieler abgefeiert werden wie Popstars.

Und so ist es auch wieder bei der anstehenden Weltmeisterschaft.
Die Leute wollen feiern. Und solange sie etwas zu feiern haben, unterstützen sie das Team auch auf mehr oder weniger sinnvolle Weise. Sollte die Mannschaft aber keinen Erfolg haben, gar frühzeitig ausscheiden, dann kann sich die Tonart sehr schnell ändern, wie Bundestrainer Joachim Löw nach der Europameisterschaft 2012 schmerzlich feststellen durfte. Ein Fehler in einem ansonsten soliden bis gutem Turnier, in dem Mann eine sehr starke Vorrundengruppe ohne Verlustpunkt überstehen konnte, reichte aus, um den Volkszorn auf sich zu ziehen.

Spätestens seit diesem Turnier ist für mich die Nationalmannschaft kaum noch ein Thema gewesen. Spielbesuche wurden vermieden, wie jegliche sonstigen Berührungspunkte oder Themen rund um die DFB-Auswahl. Partypatriotismus, sinnloses Merchandise zu jedem Turnier und die „alltäglichen Gespräche“ mit den plötzlichen Fußballfans- und Kennern waren für mich einfach zu viel. Ganz zu schweigen davon, wie die Öffentlichkeit mit den Gegebenheiten und Nachrichten aus den Austragungsstätten nicht nur der kommenden Weltmeisterschaft in Brasilien, sondern auch der vergangenen in Südafrika, umgeht. Bestürzung: Ja! Interesse: Geht so! Antrieb die Situation für die vor Ort betroffenen zu verbessern, oder irgendwie anderweitig darauf aufmerksam zu machen: Ne, lieber nicht! Ist doch eh so weit weg und betrifft mich nicht.
Man kann nicht die Welt retten, aber JEDER kann einen Beitrag dazu leisten, dass auf Mißstände aufmerksam gemacht wird!

Letztlich wird es wie so oft sein. Ich werde mir das Turnier  wahrscheinlich dennoch im TV ansehen, obwohl ich es eigentlich vermeiden wollte. Und wahrscheinlich werde ich es noch oft bereuen, wenn wieder die Bilder von den Partymeilen in Berlin, Frankfurt, oder irgendeinem Eifeldorf eingeblendet werden, oder ellenlang Werbung für Spühlmittel, Zahnpasta oder Schlafanzüge in Deutschlandfarben über die Mattscheibe flimmert. Die einzige Beruhigung, die mir bleibt:
In ein paar Wochen ist der ganze Spuk vorbei!